
Der jüngste Roman Zeruya Shalevs beginnt mit einer eigenartigen Stimmung: Den Rest des Lebens im Bett liegend und den Tod erwartend – so wird die Titelheldin vorgestellt. Der Blick fällt zurück auf ihre Kindheit im Kibbuz, auf ein traumatisches Erlebnis, nachdem sie sich weigert, laufen zu lernen. Nun vermischen sich Gegenwart und Vergangenheit. Sie versucht, aufzustehen und zum Fenster zu gehen, fühlt sich aber als das kleine Kind, das zu dem See gelangen will, jedoch im Morast versinkt. Ihre beiden erwachsenen Kinder finden sie fast leblos auf dem Fußboden. Sie kommt auf eine Intensivstation.
Die Geschichte der Tochter Dina, des Sohnes Avner wird nach und nach dargestellt. Das ist keine Traumfamilie. Dina erlebt Kühle und wenig Liebe, der Bruder dagegen wird überschüttet mit Zuwendung. Der Vater der beiden ist früh verstorben. Auch die Ehen der Geschwister sind nicht erfreulich. Jeder der Partner bzw. Partnerinnen geht seiner eigenen Wege. Dinas 16 jährige verwöhnte Tochter wird flügge und aufsässig. Das Leben ist nur noch deprimierend.
Eine Wendung zum Positiven ergibt sich, als der Sohn beim Besuch seiner Mutter auf der Intensivstation ein Liebespaar erlebt, das auf anrührende Weise für immer voneinander Abschied nimmt. Der Arzt sagt „Wir können nichts mehr machen“. Danach hat Avner nur noch ein Ziel, die junge Frau wieder zu sehen und sie kennen zu lernen. Er nimmt dafür in kauf, sich eine eigene Wohnung zu suchen, nachdem er schon Zuhause ausgezogen ist und in der Wohnung seiner Mutter lebt. Es kommt zu kurzen, sehr freundschaftlichen Begegnungen der Beiden. Dann ist es aber vorbei.
In Dina erwacht der Wunsch, ein Kind zu adoptieren und groß zu ziehen. Sie möchte ein neues Ziel im Leben haben. Ihr Mann und ihre Freundinnen halten die Idee für verrückt. Ihr Bruder Avner sagt „Ja mach das“. Der Roman endet mit dem Flug Dinas und ihres Mannes nach Sibirien und der Begegnung mit dem Adoptivjungen. Es scheint, als ob ihr Mann sich für den Jungen erwärmen kann. Gleichzeitig kommt die Nachricht, dass die Mutter verstorben ist.
Viele Passagen dieses Romans spielen sich rein im Gedanklichen ab. Dabei vermengen sich oft Vergangenheit und Gegenwart. Auch Zukünftiges wird skizziert und ist bereits zur Realität geworden. Unvermerkt gleiten Gedanken, Handlungen und Dialoge ineinander über. Anfangs macht das Lesen des im Berlin Verlag erschienenen Romans Mühe. Eine Fremde Welt baut sich auf, Israel, allzu intime negative Gedankengänge konfrontieren einen. Dann aber wächst die Spannung und die 520 Seiten nehmen die Leserin zunehmend gefangen. Die Sprache ist auch in der Übersetzung aus dem Hebräischen hervorragend.